Projekt Schule bhs

 

Quelle: Jungfrau Zeitung vom 23.10.2003

 

Gute Schule: Die Quadratur des Kreises

Werden Kinder künftig nach Gemeinden oder Altersgruppen eingeteilt?

bk. Eine Arbeitsgruppe der drei Gemeinden hat sich Gedanken über eine vertiefte Zusammenarbeit zwischen den Schulen gemacht. Sie schlägt nun der Bevölkerung vor, jeder Gemeinde eine Schulstufe zuzuweisen, um so für den Unterricht idealere Gruppengrössen zu schaffen. Über das definitive Modell wird in einem Jahr abgestimmt.

«Ich werde nicht kommen und ihnen ihre Schule schliessen. Es wird aber problematisch werden, für solche Mehrstufenklassen geeignete Lehrkräfte zu finden», berichtete Schulinspektor Bernhard Häsler eindringlich von den Erfahrungen, die er in seinem Schulkreis macht. (bk)

«Ich werde nicht kommen und ihnen ihre Schule schliessen. Es wird aber problematisch werden, für solche Mehrstufenklassen geeignete Lehrkräfte zu finden», berichtete Schulinspektor Bernhard Häsler eindringlich von den Erfahrungen, die er in seinem Schulkreis macht. (bk)

«Jeder will für seine Kinder und ihre Zukunft nur das Beste.» Mit dieser allgemein anerkannten Floskel wurde am vergangenen Montag der Diskussionsabend zum Zusammenschluss der Schulen von Brienzwiler, Schwanden und Hofstetten eröffnet. Was allerdings «das Beste» ist, darüber war man sich – wie immer wenn es um Schulfragen geht – nicht einig. Schulinspektor Bernhard Häsler fasste die Fragestellung zusammen, indem er den Eltern erklärte, dass sie ihre Schulen so oder so nicht verlieren werden. «Sie müssen sich nur die Frage stellen, ob der Schnitt vertikal oder horizontal durch die Altersgruppen geht.»

 

Eine Stufe pro Gemeinde

Ein horizontaler Schnitt, wie ihn eine Arbeitsgruppe mit den Schulkommissionspräsidentinnen und Präsidenten Brigitte Filli, Hofstetten, Toni Zumstein, Brienzwiler und Werner Grossmann, Schwanden, verschiedenen Lehrkräften und dem Projektleiter des regionalen Schulinspektorates Heiner Schmied ausarbeiteten, würde eine Verteilung der Stufen auf die drei Gemeinden nach sich ziehen. So würden die Kinder bis zur zweiten Klasse nach Brienzwiler, bis zur sechsten nach Schwanden und für die Oberschule nach Hofstetten fahren. Genau diese Fahrerei lösste grossen Widerspruch bei den Eltern aus. «Meinen Überlegungen nach wird die Gesamtwegzeit den Kindern eine zusätzliche zeitliche Schulbelastung von 25 bis 30 Prozent bringen», meinte ein besorgter Vater. Das sei doch ein Motivationskiller – in erster Linie bei den ganz Kleinen. Um richtig über ein solches Modell urteilen zu können, müssten nun zuerst die Fakten zum Busfahrplan und den daraus entstehenden Kosten auf den Tisch gelegt werden, forderte ein anderer Vater. In jedem Dorf künftig noch zwei mehrstufige Klassen, das hätte früher auch schon funktioniert. So äusserten sich Eltern sowohl in Hofstetten, wie auch schon am Donnerstag zuvor in Brienzwiler. Bei allen Widersprüchen zeigte sich deutlich, was die Diskussionen um Schulprobleme so schwierig macht. Fast alle Aussagen begannen mit dem Satz: «Als ich noch zur Schule ging.» Aus diesem eigenen Erleben heraus wurden die Haltungen eingenommen. Hofstetter, die selber schon nach Schwanden in den Kindergarten fuhren und das als positiv erlebten, sahen im Bustransport keine Probleme. Wer in seiner Schulzeit auf seiner Stufe nur ein oder zwei gleichaltrige Kollegen hatte, wünscht seinem Kind natürlich Klassen mit weniger Jahrgängen.

 

Auslöser: sinkende Schülerzahlen

Warum man überhaupt nach neuen Lösungen zu suchen begann, wurde zuvor mit Zahlen und Tabellen erläutert. In den drei betroffenen Gemeinden sieht es nach den Geburtenzahlen so aus, dass sich die Schülerzahlen bis 2009 zwischen 25 und 36 Prozent reduzieren werden. Das hat natürlich Folgen auf die Klassengrössen und damit auf die Anzahl Klassen. Der Kanton sieht nämlich vor, dass Klassen mit einem Jahrgang nicht weniger als 15 Kinder, solche mit zwei Jahrgängen nicht weniger als 14, solche mit drei Jahrgängen nicht weniger als 13 und Klassen mit vier bis fünf Jahrgängen nicht mit weniger als zwölf Kindern geführt werden dürfen. Anhand der voraussichtlichen Schülerzahlen, die man auch bei allen Unsicherheiten wie Zu- und Wegzüge oder die Anzahl der Übertritte in die Sekundarschule in etwa abschätzen kann, würden demnach im Schuljahr 2009/10 in den drei betroffenen Gemeinden je noch zwei Klassen unterrichtet – eine 1. bis 4. und eine 5. bis 9. Klasse. Es wurde auch gezeigt, dass innerhalb dieser Klassen aber noch wesentlich mehr Anspruchsniveaus als Jahrgänge vertreten sein können. Die Zahl der Kinder, welche spezielle Bedürfnisse haben, verzehnfachten sich seit 1990. Heute besucht jedes zweite Kind einmal Spezialunterricht wie die Logopädie, das heilpädagogische Ambulatorium oder eine Kleinklasse. Diese verschiedenen Grundbedürfnisse machten das Führen einer grossen Mehrstufenklasse noch schwieriger, führte Filli in ihren Erläuterungen aus. Solche Zusatzangebote könnten leichter weiterhin vor Ort angeboten werden, wenn genügend Kinder eines Jahrgangs am gleichen Ort zur Schule gingen.

 

Sag mir wo die Lehrer sind…

«Sie werden Schwierigkeiten haben künftig für Mehrklassenstufen geeignete Lehrkräfte zu finden», zeigte Häsler den Eltern ein grosses Problem auf, das beim Führen von Mehrstufenklassen entsteht. Einerseits seien solche Klassen mit ihrem enormen Mehraufwand vor allem bei jungen Lehrkräften wenig beliebt, andererseits würden in der neuen Lehrerbildung gar nicht mehr Lehrkräfte ausgebildet, welche beispielsweise ein Patent für Mittel- und Oberstufe besitzen. Häsler kennt die Problematik aus kleinen Gemeinden wie Gsteigwiler, Sundlauenen oder Lütschental. Von den Eltern auf ihre Situation angesprochen, stellten sich die amtierenden Lehrkräfte nicht prinzipiell gegen mehrstufige Klassen. Im Gegenteil, aus sozialen Gesichtspunkten seien insbesondere zweistufige Klassen zu Befürworten. Sässen allerdings ein Sechstel und ein Neuntel im selben Schulzimmer, sei der Abstand oft zu gross. Nebst der schwierigen Aufgabe als solche, dürfe man aber auch die Frage nach den Rahmenbedingungen stellen, erklärte Häsler. Gespräche in dieser Richtung würden geführt. Dabei geht es darum, dass diese Lehrkräfte bei ihrer schwierigeren Aufgabe gleich viel Lohn erhalten und gleich viele Lektionen geben müssen, wie Lehrer, die eine Jahrgangsklasse führen.

 

Positiver Grundtenor

Nach einem relativ ruhigen Donnerstagabend mit vielen befürwortenden Stimmen für eine vertiefte Zusammenarbeit in Brienzwiler und einer recht hitzigen Diskussion in Hofstetten, bei der auch nicht eine grundsätzlich abwehrende Haltung gegenüber Veränderungen zum Ausdruck kam, zeigten sich die Projektverantwortlichen erfreut. Allerdings wurden ihnen von den Eltern weitere Probleme als Hausaufgaben mitgegeben, die bis zu einer Abstimmung in den drei Gemeinden Ende 2004 noch gelöst werden müssen. So die Kostenfrage beim Transport oder die Abstimmung der öffentlichen Fahrpläne auf den Schulbetrieb und umgekehrt. Allerdings kam dem Vorschlag auch Unterstützung zu. Viele Eltern zeigten sich überzeugt, dass eine solche Klassenzusammenlegung eine Qualitätssteigerung zur Folge hat – insbesondere in der Mittelstufe, wo der Sekübertritt ansteht. «Ich weiss nicht ob ich vor einigen Jahren mit meinen Kindern hierher gezogen wäre, wenn die Schule damals nur zwei Stufen angeboten hätte», erklärte ein Vater und meinte, ein solcher Zusammenschluss würde für weitere Zuzüger sicher ein positives Zeichen setzen. Zufrieden, dass sich diese drei Gemeinden auch auf der Primarstufe strategische Überlegungen über eine optimale Zusammenarbeit machen, zeigte sich natürlich auch Häsler. «Andere solche Beispiele gibt es im Kanton ganz wenige und im Oberland gar keine.»